Luke, ich bin dein vater mandela-effekt

Viele Menschen erinnern sich auf die gleiche Weise an falsche Dinge. Eine Studie sucht wissenschaftliche Erklärungen für diesen Mandela-Effekt.

Der Monopoly-Mann trägt ein Monokel, Darth Vader sagt in der „Star Wars – Episode V“ den berühmten Satz “Luke, ich bin dein Vater” und das Pokémon Pikachu hat einen schwarzen Streifen an seinem Schwanz. Ja klar, denken die meisten – stimmt aber leider nicht. Auch das abschließende “…of the world”, das wir alle am Ende von We are the Champions schmettern, kommt in der Originalversion der Queen-Hymne nie vor. Dass Menschen falsche Erinnerungen teilen, wird auch Mandela-Effekt genannt. Eine neue Studie möchte dieses Phänomen nun erklären.   

Falsche Erinnerung oder andere Realität?

Die Bezeichnung Mandela-Effekt geht auf Fiona Broome zurück. Sie war fest davon überzeugt, dass Nelson Mandela bereits in den 1980er-Jahren in einem Gefängnis verstorben war. Tatsächlich starb er aber am 05. Dezember 2013. Als ihr auffiel, dass sich viele andere Menschen ebenso falsch an den Tod des südafrikanischen Freiheitskämpfers und Aktivisten erinnern, schrieb sie auf ihrer Website über diese Beobachtungen. Kollektive falsche Erinnerungen sind seitdem überall im Internet zu finden. 

Falsche Todesdaten von Prominenten, fehlende Szenen in berühmten Filmen und Logos von Unternehmen, die eigentlich einmal anders aussahen, sind perfekter Nährstoff für Verschwörungstheorien. Alternative Realitäten, paranormale Aktivitäten und Vertuschungsaktionen der Freimauerer  – beim Mandela-Effekt sind alle an Bord. Kein Wunder also, dass sich auch Fiona Broome als “Geist-Historikerin” bezeichnet. Die Studie, die zwei Psychologinnen der University und Chicago durchgeführt haben, sucht hingegen nach wissenschaftlichen Erklärungen.  

Systematisch falsch

Erstmals konnten Deepasri Prasad und Wilma Bainbridge zeigen, dass der visuelle Mandela-Effekt tatsächlich systematisch bei bestimmten popkulturellen Symbolen und Figuren auftritt. Die Forschenden sprechen von “spezifischen und konsistenten visuellen falschen Erinnerungen.” Dazu führten sie vier Experimente durch. Entweder sollten Versuchspersonen die Originalversionen und die Mandela-Effekt-Version auf Bildern unterscheiden oder sie aus ihrer Erinnerung beschreiben oder malen. Darunter waren unter anderem der Star Wars-Droide C3-PO (silbernes statt goldenes Bein) oder das Logo von Volkswagen (Lücke zwischen ‘V’ und ‘W’).

Tatsächlich zeigen die Ergebnisse: Der visuelle Mandela-Effekt tritt sowohl beim Erkennen als auch beim Abruf aus dem Gedächtnis auf. Dabei macht es bei den ausgewählten Bildern keinen Unterschied, ob die Erinnerung lange zurückliegt oder die Proband:innen das Logo oder die Figur gerade gesehen haben. “Sogar wenn die Versuchspersonen die korrekte Version eines Icons sahen, wählten sie Minuten später die falsche Version aus”, schreiben die Forscherinnen. 

Mehrere Erinnerungen, mehrere Erklärungen

Die genaue Ursache des Mandela-Effekts konnten die Forschenden allerdings noch nicht bestimmen. Es sind gleich mehrere Erklärungen denkbar. Visuelle Schemata, also Erwartungen zu Motiven, die in unseren Denkstrukturen angelegt sind, sind eine davon. So stellen wir uns den Monopoly-Mann deshalb mit Monokel vor, weil weiße, alte, reiche Männer oft mit Monokel dargestellt werden. Da andere psychologische Experimente aber zeigen, dass diese Erwartungen zwischen Personen oft abweichen, können diese Schemata nicht erklären, warum sich so viele auf die gleiche Weise falsch erinnern. 

Die Forscherinnen glauben, dass der Mandela-Effekt in Teilen schon zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden ist. Die vielen falschen Beispiele sind längst Internetphänomene. Für unser Gehirn ist das ein Problem, denn es erinnert sich besser an Ungewohntes. Wenn wir also die falsche Version sehen, ist es wahrscheinlich, dass wir damit die richtige Version überschreiben. 

Klar ist: Um richtig zu verstehen, warum wir uns falsch erinnern, wird es noch viele Experimente brauchen. 

Tipp: Ähnliche Phänomene wurden im Buch „Good News – Wie wir lernen, uns gegen die Flut schlechter Nachrichten zu wehren“ beschrieben.

Beitragsbild: Ashim D’Silva | unsplash.com

Luke, ich bin dein vater mandela-effekt

Das war doch alles ganz anders: Die menschliche Erinnerung ist so behütet wie trügerisch. Manchmal kann sie zu aberwitzigen Erklärungsversuchen verleiten. Steckt ein System hinter den falschen Erinnerungen?

Unwiderlegbare Tatsachen zu akzeptieren, und sei man noch so gegenteiliger Ansicht, ist eine Tugend, die manchen Menschen schwerfällt. Die menschliche Erinnerung ist so behütet wie trügerisch, manchmal kann selbst ein verifizierender Zugriff auf die Archive des gesicherten Wissens, also Lexika und Enzyklopädien, den überzeugten Meinungsfundamentalisten nicht umstimmen. Sätze wie "Die USA haben 52 Bundesstaaten, das weiß ich noch aus der Schule!", oder "Ich habe die ,Star Wars'-Filme ein Dutzend Mal gesehen, Darth Vader hat ,Luke, ich bin dein Vater' gesagt", werden oft selbstsicher in den Raum geworfen. Tatsächlich beträgt die Anzahl der Bundesstaaten 50 und Darth Vader spricht seinen Sohn nicht namentlich an.

Manche klammern sich so fest und steif an Erinnerungen, die aus der eigenen Kindheit und Jugend stammen, wie Ertrinkende an die rettende Planke - wer will schon als vergesslicher Ignorant von Allgemeinwissen und Populärkultur dastehen? Dabei ist es wohl jedem schon einmal passiert, ein Ereignis, einen Satz, ein Bild ganz anders im Gedächtnis zu haben als sonst üblich. Man kann auf solche Fehlleistungen mit einem Achselzucken reagieren, ironisch auf einen Fehler in der Matrix verweisen und sein Leben ganz normal weiterführen, ein paar falsche Zitate aus berühmten Filmen sind da kein großer Störfaktor. Oder man lässt sich auf die Annahme ein, ja, ist sogar überzeugt davon, dass ein System hinter den scheinbar falschen Erinnerungen steckt.

In ihrer Erinnerung war Nelson Mandela in den Achtzigern einsam im Gefängnis gestorben

So erging es der Geisterjägerin und Autorin Fiona Broome, die vor einigen Jahren auf einer Fantasy-Tagung feststellte, dass andere Teilnehmer nahezu die gleichen Erinnerungen wie sie selbst an den südafrikanischen Apartheidsgegner und späteren Präsidenten Nelson Mandela hatten. In ihrer gemeinsamen Wahrnehmung wurde Mandela niemals zum Staatsoberhaupt gewählt, sondern starb in den Achtziger jahren einsam in seiner Gefängniszelle. Broome selbst konnte sich sogar an Einzelheiten der Begräbniszeremonie erinnern.

Sie beschrieb diese Anomalie auf ihrem Blog und taufte sie Mandela-Effekt: vermeintlich echte Erinnerungen, die allerdings völlig von der historisch dokumentierten Realität abweichen. Bei ihren weiteren Nachforschungen stellte sie fest, dass Mandela nicht der einzige Scheintote im Geiste war. Auch andere prominente Figuren, sowohl fiktiver als auch historischer Natur, waren in so manch einer Erinnerung lange schon tot. Beispielsweise der Baptistenpastor Billy Graham, dessen Beerdigung laut Broome angeblich ein TV-Ereignis war - der aber bis zum heutigen Tag noch am Leben ist. Oder die Figur des Commander Chakotay in der TV-Serie "Star Trek", der in einer Episode angeblich sein frühes Ende findet. Überprüft man die entsprechende Folge heute auf DVD, ist davon keine Spur zu sehen.

2012 fügte ein Physikstudent, der unter dem Namen Reece bloggt, dem Rätsel eine neue Facette hinzu: Er war der festen Überzeugung, dass sich die Schreibweise der in den USA populären Kinderbuchreihe "The Berenstain Bears" von Stan und Jan Berenstain seit seiner Kindheit geändert hätte; früher wäre sie mit "Berenstein" betitelt gewesen. Ein gewaltiger "Stein" des Anstoßes für ihn und all diejenigen, welche die moralgespickten Kurzabenteuer der putzigen Grizzly-Familie verschlungen hatten, seit Dr. Seuss das erste Buch 1962 herausgab.

Also stellte Reece die Theorie eines vierdimensionalen Universums auf, dessen vierte Achse, die Zeit, eine rein imaginäre ist. Das kollektive Hirngespinst, für das die paranormalen Experten noch keine rechte Lösung wussten, wurde zu einer rudimentären Auslegung der Quantenmechanik, welche die Existenz von Parallelwelten schon seit mehr als einem halben Jahrhundert physikalisch zu erforschen sucht. Vereinfacht gesagt eröffnet in einem solchen Multiversum jedes Ereignis eine neue Zeitlinie und damit einen eigenen Kosmos für sich. Manchmal stößt diese abweichende Realität auf die Wirklichkeit und manifestiert sich in den abweichenden Erinnerungen. Diese wären somit ein Beweis, dass es mehrere Varianten unserer Existenz gibt. Die Vorstellung von Paralleluniversen ist inzwischen eine der Haupterklärungen für die Anhänger des Mandela-Effekts.

Skeptiker halten dem entgegen, dass vor allem die Sehnsucht nach einem größeren Ganzen, nach einem metaphysischen Erlebnis, den Mandela-Effekt befeuert. Auch die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaften taugen nicht zu seiner Bestätigung, im Gegenteil: Erinnerung ist immer durchdrungen von Unsicherheit und Obskurität, ein Konstrukt geprägt von gesellschaftlichem Umfeld und persönlichen Befindlichkeiten. Sie ist, wenn man so will, ein Auftragswerk, das unser Gehirn nach unseren Wünschen, Sehnsüchten und Traumata gestaltet.

Vielleicht aber ist der Mandela-Effekt nur die konsequente Reaktion auf kindliche Erinnerungsarbeit: Mit einem solchen Modell kann man dem Gedächtnis, das einen schließlich schon so oft im Stich gelassen hat, ein Schnippchen schlagen. Das Problematische daran ist auch weniger die Abstrusität der Annahme - denn wer könnte etwas Gesichertes zu Paralleluniversen sagen, nicht einmal die Quantenphysik vermag dies bisher -, sondern der verzweifelte Versuch, bestimmte Phänomene auf Biegen und Brechen erklären zu wollen. Zur Not eben irrational.

Manchmal könnte auch ein dritter Weg aus der Misere gegen die falschen Erinnerungen helfen. Wie schreibt der Ethnologe Marc Augé so treffend: "Man muss die nahe Vergangenheit vergessen, um die ferne Vergangenheit wiederzufinden."

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